Venedig – eine verborgende Welt hinter Gassen und Kanälen


 

Angenehm, warmer Wind streicht mir übers Gesicht, meine langen Haare wirbeln wild umher und versperren mir die Sicht. Also schließe ich die Augen und lasse den Moment auf mich wirken.

 

Ich atme tief ein und spüre dabei eine feine frische Meeresbrise Salz in meiner Nase.

 

Ach, wie gut das meinem Körper tut!

 

Das gleichmäßige Surren der Turbinen und das Rauschen des Wassers versetzen mich in Trance. Diese Geräusche wirken beruhigend, sodass ich dabei kein Problem hätte, an Ort und Stelle einzuschlafen. Die Stimmen der Leute um mich herum, werden immer dumpfer und dumpfer. Ich kann sie kaum mehr wahrnehmen. Gelegentlich nehme ich in Ferne die grellen Schreie einer Möwe wahr. Mit jedem Atemzug fühle ich mich befreiter und leichter, fast wie eine Feder … Ich fühle mich so frei, wie schon lange nicht mehr. Die vergangenen Monate waren wahrlich lange und beschwerlich.

Die Sonne ist zu dieser Tageszeit noch schwach, aber ich kann dennoch ihre sanfte Wärme auf meiner Haut spüren. Die zarten Sonnenstrahlen, zaubern mir ein leichtes Lächeln auf die Lippen.

 

Trotz des Fahrtwindes ist mir nicht kalt, ein ungewohntes Gefühl nach den kalten Monaten. 

Ich sitze in der Fähre von Punta Sabbioni Richtung Venedig. Obwohl ich schon oft diese Fähre genommen habe, ist es jedes Mal aufs Neue spannend und aufregend. Von mir aus könnte die Fahrt ruhig etwas länger dauern, damit ich meinen Gedanken nachhängen kann. Im Sommer ist die Fähre nämlich meistens komplett überfüllt und die Fahrt gleicht eher mehr einer Odyssee als einer Entspannungsfahrt. Ohne Sitzplatz – eine Tortur.

 

Jetzt, Ende April, ist das Boot nur halb voll und man hat quasi freie Wahl bei den Sitzplätzen.

 

Anders ist es jedoch in Venedig. Ich habe den Eindruck, dass diese Stadt IMMER voll mit Touristen ist. Die Fähre ist noch nicht mal angekommen und schon strömen die Menschen eilig zu den Ausgängen. Ich jedoch bleibe lieber noch ein bisschen sitzen und warte, bis alle ausgestiegen sind. Somit kann ich noch ein Weilchen die Aussicht auf diese wunderschöne Stadt, welche ich nun auf eigene Faust erkunden werde, genießen.

 

Ich war wirklich schon sehr oft in Venedig, doch jedes Mal entdecke ich neue Seiten dieser Lagunenstadt. Hinter jeder Gasse, ja hinter jedem Kanal, könnte sich etwas Interessantes verbergen. Wer sagt, er kenne Venedig in und auswendig, der liegt vermutlich nicht richtig. Venedig steckt voller kleiner Details und Geschichten, die einem erst bei genauerem Betrachten ins Auge stechen.

 

Bei diesem Besuch in der Lagunenstadt begebe ich mich auf die Suche nach einer besonderen Geschichte, und zwar nach der des Aldo Manuzio. Jetzt denkt ihr euch sicher, wer denn dieser Typ ist.

 

Dieser Typ, also Aldo Manuzio, ist zwar nicht so bekannt, trotzdem kann er aber als wahres Genie und bedeutender Humanist bezeichnet werden. Aldo lebte von 1449 bis 1515 und wirkte als venezianischer Buchdrucker. Es war eine Zeit des Umbruchs, die Zeit der großen Entdeckungsfahrten, als Christoph Kolumbus 1492 die Neue Welt, sprich Amerika, (wieder)entdeckte. Johann Gutenberg hatte zudem um 1450 den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden.

 

Die optimale geografische Lage der Stadt trug dazu bei, dass Venedig eine der wichtigsten Handelsstädte Europas wurde. Wegen des großen Reichtums bekam die Stadt den Beinamen „La Serenissima“ was so viel wie „Alldurchlauchteste“ bedeutet. In Venedig liefen sozusagen alle Fäden zusammen, sodass die Stadt bald Treffpunkt für Gelehrte und auch Zentrum für die Buchdruckkunst wurde.

 

Aldo Manuzio hatte also hier die besten Bedingungen, sich typographisch weiterzuentwickeln. Sein Druckerzeichen zeigt einen Delphin, der sich um einen Anker windet. Das Motto dazu - Eile mit Weile - symbolisiert sein rastloses Schaffen. Ihm haben wir einige Dinge zu verdanken, welche heute selbstverständlich für uns sind. Er führte Satzzeichen wie Beistrich und das Semikolon ein, was das Lesen maßgeblich erleichterte. Ebenfalls war er der Erfinder des Taschenbuchformates. Im Mittelalter waren Bücher groß und schwer. Zum Lesen musste man sie auf ein Pult heben. Mitnehmen war sowieso undenkbar. Dies änderte sich quasi mit der Einführung der sogenannten Oktav-Bücher. Aldo Manuzios Drucke waren zu der Zeit bekannt für ihre ausgezeichnete Qualität. Er übersetzte auch viele Bücher aus dem Griechischen.

Endlich habe auch ich als letzter Passagier die Fähre verlassen und die Lagunenstadt betreten.

 

Richtung Markusplatz schlängeln und drängeln Menschenmassen an mir vorbei. Ich versuche aus dem Sprachgewirr die bekanntesten Sprachen herauszufiltern.

Ich laufe an zahlreichen kleinen Cafés und Restaurants vorbei.

 

Es sitzen kaum Leute drinnen. Vielleicht ist es noch zu früh für ein Mittagessen und zu spät für ein Frühstück. Ich nehme mir schon lange vor, dass ich hier einmal verweile, mit einem guten Kaffee oder einem Gelato, um das bunte Treiben zu beobachten. Außerdem hat man von diesem Platz aus eine ausgezeichnete Sicht auf das grünlich schimmernde Meer und den Schiffsverkehr. Langweilig wird einem hier bestimmt nicht. Aber jetzt gerade ist nicht die Zeit für ein Päuschen … Ich habe eine Mission, und zwar will ich die Stelle der ehemaligen Offizin des Aldo Manuzio finden.

 

Ich begebe mich nun auf Entdeckungsreise und spaziere über den Markusplatz. Es gibt wirklich deutlich weniger Touristen als im Sommer, aber trotzdem noch genug. Ich blicke mich um und betrachte die große Säule mit dem San Marco Löwen, dem Symbol der Flagge von Venetien. Er sieht ehrfürchtig und mächtig aus. Ich gehe weiter Richtung Markusdom, auch hier kann ich den San Marco Löwen entdecken. Die Gebäude am Markusplatz erinnern an den ehemaligen Reichtum der Stadt. Besonders gefallen mir die Verzierungen der Kuppeln am Markusdom. Irgendwie wirkt der Markusdom ein bisschen orientalisch. Kein Wunder, denn auf Grund der geographischen Lage war Venedig in der Frühen Neuzeit Schmelztiegel verschiedener Kulturen.

 

Ich setze nun meine Erkundungstour durch die Stadt fort und biege in die erste enge Gasse. Ich habe nun den großflächigen Markusplatz verlassen und befinde mich in einer kleinen, dunklen Gasse. Links und rechts sind verschiedene Geschäfte. Normalerweise wird man in Venedig durch solch eine winzige Gasse von der Menschenmasse "durchgeschoben". Zum Glück ist es dieses Mal anders.

 

Deshalb nehme ich mir Zeit, die Auslagen zu betrachten. Viele und abertausende Souvenirshops zieren die schmale Gasse. Doch plötzlich erregt ein Geschäft an einer kleinen Kreuzung meine Aufmerksamkeit. Das Geschäft ist nicht sehr groß, aber die Auslage macht für mich einen ansprechenden Eindruck, sodass ich beschließe, ihn mir von der Nähe anzusehen. Ich werfe einen Blick hinein … Alles ist strahlend weiß und hell ausgeleuchtet. In den Regalen schimmert und funkelt es in allen erdenklichen Farben. Fasziniert von diesem bunten Farbenmeer, betrete ich das kleine Geschäft. Die Dame hinter der Kassa wirft mir ein flüchtiges „Buongiorno“ zu … „Buongiorno“ grüße ich zurück.

 

Ich verweile vor einem Glasregal mit bunten Vasen, welches zwei Mal so groß ist wie ich - eine ist schöner als die andere. Schon als Kind fand ich großen Gefallen an dem farbigen Muranoglas. Ich schaue mich weiter um … Da sticht mir ein kleiner Ständer mit Ketten ins Auge. Wie magisch davon angezogen, steuere ich darauf zu. WOW, wie ich diese Ketten liebe! Nach einem kurzen Blick auf das Preisschild ist schnell entschieden, dass ich eine Kette kaufen werde. Nun stellt sich bloß noch die Frage, welche … Ich habe die Qual der Wahl! … Die rot-grün-orange, die blau-rote, die rosa-weiße Kette oder doch lieber das grün-blau-rosa Modell?!?!?! …

 

Meine Wahl fällt schließlich auf eine grün-gelbe. Nachdem ich bezahlt habe, packe ich meinen neuen Schmuck sofort aus dem kleinen weißen Tütchen aus und gebe ihn mir rauf. Das Glasstück fühlt sich angenehm kühl auf meiner Haut an … Jetzt fühle ich mich wie eine echte Venezianerin aus früheren Zeiten.

Glücklich setze ich meine Erkundungstour durch ein Labyrinth aus Gassen fort. Manche Gassen sind so eng, dass gerade mal eine Person durchpasst. Mittlerweile hat sich die Sonne auch gegen die letzten Wolken durchsetzen können und strahlt jetzt über Venedig. Ich bin froh, dass ich in den kleinen Gässchen von der direkten Sonneneinstrahlung geschützt bin. Die meisten Fensterläden sind heruntergelassen. Ob wohl noch viele Menschen in der Altstadt wohnen? Wurden Häuser und Wohnungen von reichen Touristen aufgekauft? Ganz verlassen scheinen sie jedoch nicht zu sein, denn Blumen zieren die Fensterläden und Balkönchen. An manchen Fenstern hängt sogar Wäsche. Typisch Italien, denke ich mir.

 

Ich habe inzwischen schon komplett die Orientierung verloren. Trotzdem möchte ich nicht Google Maps nach dem Weg fragen. Ich genieße es förmlich, mich in den Gassen von Venedig ohne Plan zu verirren. Einige Gassen weiter von mir höre ich Kinderstimmen. Heiteres Lachen. Hier muss sich wohl ein Spielplatz oder eine Schule befinden. Ich versuche den Stimmen zu folgen. Doch statt ihnen näher zu kommen, entferne ich mich stetig von ihnen. Jetzt sind sie kaum mehr zu hören. Plötzlich fällt mir ein merkwürdiger Geruch auf … Es riecht sehr intensiv, nicht sehr angenehm. Dennoch verbinde ich den Duft mit etwas Positiven … Jetzt fällt es mir ein: Dieser Geruch erinnert mich an ein Erlebnis aus früheren Zeiten. Es ist schon lange her, als ich als Kind bei den abgelassenen Teichen im Waldviertel die übrig gebliebenen Fische rettete, um sie anschließend in dem kleinen Bach vor unserem Haus auszusetzen. Ich versuche meiner Nase zu folgen. Plötzlich stehe ich an einem kleinen Platz. Keine Leute sind hier … Das liegt vermutlich am Gestank. Wahrscheinlich gab es hier vor wenigen Stunden noch einen Fischmarkt, wo reges Treiben herrschte. Einige Möwen erfreuen sich an einer Gratismahlzeit, denn es sind einige Fischstücke liegen geblieben. 

 

Ich marschiere weiter Richtung Canal Grande und komme schließlich zur Rialto Brücke. Hier gibt es wieder Massen an Touristen. Mir gefällt der Baustil der Brücke. Strahlend weiß erstreckt sie sich über den Kanal. Endlich! Ich konnte mich durchkämpfen und einen Platz auf der Brücke ergattern, von dem ich eine gute Aussicht auf den Kanal habe. Hier ist immer was los. Reger Schiffsverkehr herrscht. Er wirkt chaotisch, aber ich denke, es gibt bestimmt Regeln.

 

Nun begebe ich mich weiter auf meine Mission. Stundenlang irre ich durch die Gassen von Venedig. Ohne Erfolg! Ich kann den Ort der ersten Offizin des Aldo Manuzio nicht finden. Später werde ich erfahren, wo sich die besagte Gedenktafel befindet, die auf die vermutete Stelle hinweist.

 

Plötzlich stehe ich am Markusplatz. Welch Ernüchterung! Meine Fähre geht in zwei Stunden. Ich bin müde, meine Füße schmerzen, ich habe einen Sonnenbrand und ich bin demotiviert und enttäuscht.  

 

Ich beschließe meine Füße ein wenig im Meer abzukühlen und vielleicht noch einen Kaffee zu trinken. Als ich über den Markusplatz spaziere, sehe ich, dass keine Leute vor dem Aufstieg des Markusturms warten. Ich war noch nie oben. Das ist meine Chance. Hoffentlich kostet es nicht zu viel. Der Eintritt beträgt 8 €. Man fährt mit einem Lift hinauf.

 

Die Aussicht übertrifft meine Erwartungen. Einfach WOW! Man sieht über ganz Venedig. Ein Gewirr von kleinen Gassen und Kanälen. Venedig ist wahrhaft ein bauliches Meisterwerk, sozusagen ein architektonisches Gesamtkunstwerk. Hier oben ist es windig und kalt, aber das stört mich nicht, ich bin fasziniert von dieser Stadt.

 

Plötzlich spricht mich eine Männerstimme auf Englisch an: „Gefällt dir die Stadt?“

„Jaaaa, ich liebe Venedig. Es ist eine meiner Lieblingsstädte.“

Wir unterhalten uns ein bisschen über die Stadt. Er heißt Yuuto und ist aus Japan. Gerade mit dem Studium fertig, hat er beschlossen, Europa auf eigene Faust zu erkunden. Er betreibt auch eine sehr erfolgreiche Instagram-Seite, mit der er sogar Geld verdient und sich so seine Reisen finanzieren kann.

 

Ich erzähle Yuuto, dass ich auf der Suche nach der Offizin des Aldo Manuzio bin, denn darüber habe ich meine Abschlussarbeit auf der Uni geschrieben. Er meint, er habe bei seinen Erkundungen zufällig diese Tafel gesehen und Fotos gemacht, damit er später Informationen googeln könne.

 

„Ich kann dir die Stelle zeigen, wo ich diese Tafel entdeckt habe. Man sieht das Areal von hier oben.“

 

Tatsächlich sehe ich schlussendlich doch noch den Ort, wenn auch nur von oben. Meine Mission ist erfolgreich gewesen.

 

Unten angekommen, trinke ich mit Yuuto noch einen Kaffee und dann geht es für mich wieder zurück aufs Festland.

 

 Venedig ist immer eine Reise wert. Ich habe gefunden, wonach ich gesucht habe, und dabei einen sehr interessanten Menschen kennen gelernt, welcher mich dazu inspiriert hat, „Italyvisualized“ zu gründen. Yuuto lebt seinen Traum. Seine „Leidenschaft“ ist eine Kombination von Fotografie, Reisen und Schreiben. Ab diesem Zeitpunkt habe ich beschlossen, dass auch ich meinen Traum leben möchte.

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